11.05.2026 · Nachhaltigkeit

Neues Stromgesetz: Wie bestehende Photovoltaikanlagen wirtschaftlich bleiben

Mit der sukzessiven Einführung des neuen Stromgesetzes in 2025 und 2026 stellt die Schweiz die Weichen für ein zukunftsfähiges, dezentrales und klimafreundliches Energiesystem. Ziel des neuen Gesetzes ist es, die Versorgungssicherheit zu stärken, den Ausbau erneuerbarer Energien zu beschleunigen und die Eigenversorgung vor Ort zu fördern. Für Immobilieneigentümer und Investoren bringt diese Anpassung einerseits neue Chancen, andererseits aber auch Risiken, insbesondere hinsichtlich bestehender Photovoltaikanlagen (PV).

Vom Einspeisemodell zur Eigenverbrauchslogik

In den vergangenen Jahren basierte die Wirtschaftlichkeit vieler PV-Anlagen stark auf der Rückspeisung von überschüssigem Strom ins öffentliche Netz. Fixe oder relativ stabile Einspeisevergütungen sorgten für planbare Einnahmen und attraktive Renditen, auch bei Liegenschaften mit geringem Eigenverbrauch.

Mit dem neuen Stromgesetz vollzieht sich nun ein Paradigmenwechsel: Die Einspeisevergütung wird stärker am Marktpreis ausgerichtet. Zwar bleibt eine Abnahmepflicht für überschüssigen Solarstrom bestehen, doch die Vergütung orientiert sich künftig an quartalsweise gemittelten Marktpreisen. Ergänzend gelten Mindestvergütungen, diese liegen jedoch auf einem tiefen Niveau und decken insbesondere bei grösseren Anlagen oftmals nicht mehr die realen Erstellungskosten.

Konkrete Auswirkungen auf bestehende PV-Anlagen

Für viele Bestandsanlagen bedeutet dies eine erhöhte Ertragsunsicherheit. Schwankende Marktpreise führen zu volatilen Einnahmen, während gleichzeitig zusätzliche regulatorische Rahmenbedingungen greifen. Besonders betroffen sind PV-Anlagen mit tiefem Eigenverbrauch, etwa auf Mehrfamilienhäusern oder Gewerbeliegenschaften, bei denen der Stromverbrauch zeitlich nicht mit der Produktion zusammenfällt. Ohne Speicherlösungen oder intelligente Steuerung fliesst ein grosser Teil des erzeugten Stroms ins Netz und wird künftig zu deutlich tieferen und weniger planbaren Tarifen vergütet.

Rendite unter Druck – aber nicht alternativlos

Trotz dieser Herausforderungen bedeutet das neue Stromgesetz keineswegs das Ende wirtschaftlich erfolgreicher PV-Anlagen. Im Gegenteil: Es verschiebt den Fokus von der reinen Stromproduktion hin zum aktiven Management der erzeugten Energie.

Ein zentraler Hebel ist die Erhöhung des Eigenverbrauchs. Modelle wie der Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (ZEV), virtuelle ZEV (VZEV) oder neu auch lokale Elektrizitätsgemeinschaften (LEG) ermöglichen es, Solarstrom innerhalb eines Gebäudes, eines Areals oder sogar in einer Gemeinde lokal zu vermarkten. Dadurch kann Strom zu attraktiveren Preisen direkt an Nutzer abgegeben werden, unabhängig von volatilen Marktpreisen.

Gerade LEG eröffnen neue Perspektiven: Sie erlauben den lokalen Direktverkauf von Solarstrom auch ohne vollständige Marktöffnung, sofern bestimmte Voraussetzungen wie gleiche Gemeinde und gleicher Verteilnetzbetreiber erfüllt sind. Zusätzlich profitieren Teilnehmende von reduzierten Netznutzungsgebühren, was die Wirtschaftlichkeit weiter verbessert.

Strategische Bedeutung für Immobilienportfolios

Für Immobilieneigentümer wird Energie damit zunehmend zu einem strategischen Steuerungsinstrument. Bestehende PV-Anlagen sollten nicht mehr isoliert betrachtet, sondern im Kontext mit E-Ladestationen, Wärmepumpen und möglichen Speicherlösungen analysiert werden. Fragen wie Eigenverbrauchsquote, Lastprofile, Speicherpotenziale und die Eignung für ZEV- oder LEG-Modelle gewinnen auf Objekt und Portfolioebene an Bedeutung.

Ergänzend eröffnen Batteriespeicher und Flexibilitätsmanagement neue Ertragsmöglichkeiten, zum Beispiel durch das Reduzieren von Leistungsspitzen (Peak-Shaving), netzdienliche Steuerung oder die Teilnahme an Flexibilitäts- und Regelenergiemärkten. Diese Ansätze erfordern jedoch eine intelligente und vernetzte Steuerung von Produktion, Speicherung und Einspeisung von Energie. Mit einem aktiven Energiemanagement kann nicht nur die Rendite stabilisiert, sondern auch einen Beitrag zur Netzstabilität und zur Erreichung von ESG-Zielen geleistet werden.

Wirtschaftlichkeit entsteht künftig durch intelligente, lokale Nutzung 

Das neue Stromgesetz erhöht den Handlungsdruck auf bestehende PV-Anlagen deutlich. Sinkende und volatile Rückspeisevergütungen machen klar: Wirtschaftlichkeit entsteht künftig nicht mehr automatisch durch Einspeisung, sondern durch intelligente, lokale Nutzung des Stroms. Eigenverbrauch, lokale Vermarktung und flexible Energielösungen werden zum Schlüssel für stabile Erträge.

Kurzum: Energie entwickelt sich vom Nebenprodukt zum strategischen Ertrags- und Werttreiber von Immobilienportfolios. Wer bestehende Anlagen frühzeitig analysiert und gezielt optimiert, kann auch unter den neuen Rahmenbedingungen langfristig profitieren.

Verfasser Matthias Schmid 

Matthias Schmid verantwortet bei Wincasa den Bereich New Energy Solutions mit Fokus auf Elektromobilität und Photovoltaik im Immobilienkontext. Mit seinem Team identifiziert er Ertragsrisiken bei neuen und bestehenden PV-Anlagen und unterstützt Immobilieneigentümer bei der Optimierung des Eigenverbrauchs sowie bei der Umsetzung und dem Betrieb ganzheitlicher Energiemanagementlösungen.